Irgendwann wird alles gut Aber nur wenn man in Jahrtausenden denkt

Von Eberhard Will, Mannheim

Die Geschichte mancher Länder – gerne auch in zentraler Lage – ist eine Geschichte der Imigration. Angetrieben von der Suche der Einwanderer nach einem besseren Leben, oder von Vertreibung und Flucht, oder eingeladen von einem Feudalherren, der seine durch Krieg oder Seuchen entvölkerte Landstriche wieder “peuplieren” wollte. So tragen wir alle die genetischen Spuren der Migrationsgeschichte in uns. Die Deutschen sind schon ein ziemlicher Völkermischmasch – und das ist auch gut so.

Des_Teufels_General_(1947)In “Des Teufels General”, einem nur noch in einem Curd-Jürgens-Film weiterlebenden Stück deutschen Nachkriegstheaters, legte Autor Carl Zuckmayer dem Protagonisten General Harras einen kurzen historischen Abriss in den Mund, gleichzeitig eine Verspottung der nationalsozialistischen Rassentheorie. Harras will damit den jungen Leutnant Hartmann wieder aufrichten, dessen Verlobung geplatzt ist, weil das Fräulein von Morungen in seinem Stammbaum eine Großmutter ungeklärter Herkunft nicht akzeptieren wollte.

Harras zu Hartmann:

Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach.
Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom
Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.[1]

Großartig. Reine Rasse ist eine Idee für Hundezüchter. Aber, seien wir nicht naiv. Harras spricht von einem zweitausend Jahre dauernden Assimilationsprozess, der ziemlich brutal war und häufig unfriedlich verlief.

Wer waren die historischen Migranten, die auf mitteleuropäischem Boden, auf dem heute Deutschland liegt, teils gerufen, teils ungerufen kamen und sich mit den jeweils Einheimischen vermischten? Abgesehen von Familien von Religionsflüchtlingen und vertriebenen Bauern nahezu ausschließlich junge Männer. Händler, Soldaten, Handwerker, Taugenichtse.

Sie wanderten und versuchten sesshaft zu werden unter aus heutiger Sicht absolut harten Bedingungen. Schauen wir in den Kopf eines jungen Mannes, der vor hundertfünfzig Jahren (oder zweihundert oder dreihundert) auf der Suche nach einem besseren Leben gerade irgendwo in der Fremde angekommen ist. Lauschen wir den Gedanken und Sorgen, die ihn täglich bedrücken, aber die ihm völlig selbstverständlich sind :

  • Ich muss selbst sehen, wie ich jeden Tag satt werde und zu Kleidung komme.
  • Es gibt gelegentlich Mildtätigkeit, aber die meisten anderen Menschen sind auch arm.
  • Leute aus meiner alten Heimat zu treffen, würde die Härte des Lebens nicht beseitigen, aber helfen, sie leichter zu ertragen.
  • Die Einheimischen sehen es immer so, dass sie die älteren Rechte haben, und wollen, dass man ihre Sitten und Gebräuche nicht nur respektiert, sondern auch annimmt.
  • Ich muss es akzeptieren, dass die meisten Einheimischen aus Selbstschutz misstrauisch gegenüber Fremden sind.
  • Da mich niemand kennt, und ich keine Sicherheiten bieten kann, wird mir niemand Kredit geben.
  • Entweder ich kann selbst mit eigenen Mitteln etwas herstellen oder verkaufen, wofür die Leute bereit sind Geld zu geben, oder ich muss jemanden finden, der mir Arbeit gibt. Am besten mit Kost und Logis.
  • Ich muss mich so verhalten, dass mich die Menschen, die ich für mein Weiterleben brauche, mindestens nützlich, besser auch sympathisch finden.
  • Ich muss mir selbst die Sprache der Einheimischen beibringen, indem ich dafür sorge, als Gesprächspartner akzeptiert zu werden (oder jemanden dafür bezahlen).
  • Wenn ich alt werde (unwahrscheinlich) und im Alter versorgt sein will, brauche ich eheliche Kinder.
  • Dafür muss ich ein Mädchen finden, das die Heiratsgenehmigung ihres Vaters durchsetzt, oder einen Vater, der mir seine weniger begehrte Tochter zur Frau gibt, oder eine Waise. Eine ältere Witwe ginge auch.
  • Ein Mädchen von zuhause nachzuholen, ist praktisch vollkommen unmöglich.
  • Die Konkurrenz am Heiratsmarkt ist groß, da viele junge Frauen im Kindbett sterben und deren Männer erneut heiraten wollen.
  • Religiöse Zugehörigkeit ist wichtig für Hilfe in der Not und für soziale Kontakte. Aber sie ist auch tückisch, weil es viel religiöse Feindschaft gibt.
  • Bin ich erstmal Familienvater, wird es mir vielleicht möglich sein, einige Wertvorstellungen und Gebräuche aus meiner Heimat auch gegen meine Frau durchzusetzen.
  • Wenn sich Gelegenheit ergibt, will ich gerne von zuhause berichten und etwas vorleben. Aber die Einheimischen werden nur dann etwas annehmen, wenn es ihnen sehr viel besser als ihr Eigenes erscheint.
  • Sollte das alles misslingen, werde ich vermutlich jung sterben und spurlos aus der Welt verschwinden. Dann bleibt für die Einheimischen alles wie es war.

Was lernen wir aus diesem kurzen Gedankenaustausch mit unserem migrierenden Vorfahren? Dass sich die technischen, politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in den letzten hundert Jahren so verändert haben, dass Integration und Assimilation als unvermeidliche evolutionäre Prozesse heute so nicht mehr stattfinden. Stattdessen entstehen Parallelgesellschaften.

  • Wandern über große Entfernungen ist für Millionen Menschen möglich und relativ billig im Vergleich zu früheren Zeiten
  • Es gibt hierzulande keinen Zwang mehr, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen.
  • Es hat keine existenziellen Folgen, wenn man keine Arbeit findet, oder sie sich nicht selbst schaffen kann.
  • Der einst für Staatsbürger erfundene Rechtsanspruch auf Sozialleistungen (Bürgerrecht gegen Verwaltungswillkür) wurde uminterpretiert zum Menschenrecht für jedermann (Anspruch gegen den Steuerzahler).
  • Es ist relativ leicht und nicht teuer, eine Ehefrau aus der Heimat nachkommen zu lassen, die die heimische Kultur womöglich noch zäher verteidigt.
  • Das Gleiche gilt für die ganze Familie einschließlich Alter und Kranker.
  • Satellitenfernsehen und Internet ermöglichen es, sich auch in der Fremde von zuhause nicht abzunabeln und verhindert das Eintauchen in die fremde Sprache.
  • Für jeden Volksstamm der Welt finden sich irgendwo in deutschen Städten Pionier-Migranten, in deren Nähe es leichter ist, als Migrant anzukommen.
  • Bereits wenige hundert Migranten an einem Ort mit gleichem regionalen und kulturellen/religiösem Hintergrund reichen aus, um einigen von ihnen ein Leben ohne Deutschkenntnisse und ohne legale Arbeit in einer Parallelgesellschaft zu ermöglichen.
  • Dies wird unterstützt durch moderne, preiswerte Kommunikationsmittel und preiswerte Mobilität.

Viele deutsche Eingeborenen und ihre Politiker glauben, eine moralische Verpflichtung zu haben, sich wahllos allen möglichen kulturellen Einflüssen zu öffnen, oder dass dies Vorteile bringe. Anpassung zu fordern und Selbstausgrenzung von Immigranten zu diskriminieren, gilt unter Einheimischen als unmoralisch.

Viele deutsche Eingeborenen und Ihre Politiker glauben noch an die historische Erfahrung, dass friedliche Einwanderung ein Land immer reicher macht. Sie haben noch nicht erkannt – oder wollen es nicht wahr haben -, dass unter den Bedingungen des Sozialstaates friedliche Einwanderung ein Land auch ärmer machen kann.

Insofern sind auch alle in Festreden gerne bemühte historischen Beispiele über gelungene Einwanderung (lediglich für historische Zeiten gilt Assimilation als politisch korrekt), um es freundlich auszudrücken, Selbsttäuschung. Es wird Zeit für mehr Rationalität und mehr Verantwortungsethik.

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