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Wartezeiten Jens Spahn rechnet beim Arzt

Von Eberhard Will, Mannheim

Auch dem künftigen Gesundheitsminister Jens Spahn ist klar, dass er seine Chefin am besten damit beeindrucken kann, dass er den Schrumpfsozialdemokraten in der neuen kleinen Koalition ihre Wünsche von den Augen abliest. Als erstes hat er – woran auch immer – erkannt, dass das dringendste Problem aller Wähler die gelegentlich noch praktizierten unterschiedlichen Wartezeiten auf Arzttermine von privat und gesetzlich Krankenversicherten sind. Die will er jetzt endlich angehen. Dazu gibt es eine hübsche kleine Rechenaufgabe für die sechste Klasse.

Bei Facharzt Dr. Frankenstein fragen pro Monat 100 Patienten (lässt sich leichter rechnen) nach einem Termin, davon sind 10 Privatversicherte und 90 gesetzlich Versicherte. Mit den Privatversicherten erzielt er mehr als 20% seines Honorarumsatzes, aber darum geht es jetzt nicht, sondern um die Wartezeiten.

Aus Gründen, die er nicht mal seiner Sprechstundenhilfe erzählt, warten seine GKV-Patienten – es sei denn sie kämen als Akutfall – 15 Tage auf einen Termin, die privaten im Durchschnitt nur drei Tage. Diese Differenz will Minister in Spe Spahn beseitigen, denn auch für ihn besteht Gerechtigkeit zu 98% aus Gleichheit.

Dr. Frankenstein ist klar, dass er den ständigen Terminstau von 15 Tagen nicht abarbeiten kann, ohne zwischendurch strenge Minutenmedizin einzuführen, was er aber zu Recht für unethisch hält. Gesucht ist daher eine supergerechte Einheitswartezeit für alle. Also macht er folgende Rechnung auf:

Eine Kohorte von monatlich 90 Patienten wartet jew. 15 Tage, also insgesamt 1.350 Tage. Die zehn Privatpatienten warten nur jew. 3 Tage, also insgesamt 30 Tage. Die gesamte Wartezeit beträgt also 1.380 Tage. Indem er die durch die monatliche Gesamtzahl der Patienten teilt, erhält er die neue Einheitswartezeit von 13,8 Tagen. Im wirklichen Leben sind das 14 Tage. Dr Frankenstein ist begeistert, reduziert sich so doch die künftige Spahn-Wartezeit für GKV-Patienten um einen ganzen Tag. Nicht so gut kommen die Privatpatienten weg, da sich ihre Wartezeit als Folge höherer Gerechtigkeit um 11 Tage verlängert.

Dr. Frankenstein überlegt, wie er seine Privatpatienten dazu bringen kann, ihm dennoch auch künftig das doppelte Honorar statt des einfachen zu zahlen. Denn ohne das würde er ca. 10% seines Umsatzes verlieren. Da er dafür keine überzeugende Lösung findet, wird er sich der Forderung anschließen, dass zur Finanzierung der Gerechtigkeit die GKV-Honorare um 1% angehoben werden.

Zusätzlich wird er am Wochenende mal daran herumrechnen, wie es wäre, wenn er seine Praxis als reine Privatpraxis führen würde.

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